Reindustrialisierung im Trend: Firmen setzen auf KI und Resilienz

Laut Capgemini setzen 73 Prozent der Firmen auf Reindustrialisierung. Der Fokus liegt auf KI und resilienten Lieferketten für langfristige Wettbewerbsfähigkeit.

BERLIN – Die globale Industrielandschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Laut dem neuesten Bericht des Capgemini Research Institute (CRI), „The resurgence of manufacturing: Reindustrialization strategies in Europe and the US“, haben mittlerweile fast drei Viertel der großen Unternehmen in Europa und den USA eine Strategie zur Reindustrialisierung implementiert oder befinden sich in der aktiven Planung. Dies entspricht einem deutlichen Anstieg gegenüber dem Jahr 2024, als dieser Wert noch bei 59 Prozent lag. Die Unternehmen reagieren damit auf anhaltende geopolitische Unsicherheiten und das Bedürfnis nach größerer technologischer Souveränität.

Selektive Investitionen und Fokus auf Effizienz

Die neue Phase der Reindustrialisierung ist von einer deutlich höheren finanziellen Disziplin geprägt als noch in den Vorjahren. Während die geplanten Investitionen für das Jahr 2025 noch bei rund 4,7 Billionen US-Dollar lagen, prognostiziert das CRI für die kommenden drei Jahre ein Volumen von knapp 2,5 Billionen US-Dollar.

Dieser Rückgang wird von Experten nicht als nachlassendes Interesse gewertet, sondern als Übergang zu kapitaleffizienteren Modellen. Unternehmen bevorzugen zunehmend selektive Ansätze, bei denen der Marktzugang und die Widerstandsfähigkeit der Lieferkette im Vordergrund stehen. Rund 86 Prozent der Befragten geben an, dass diese strategischen Vorteile schwerer wiegen als kurzfristige Kosteneinsparungen.

Regionale Unterschiede zwischen Europa und den USA

Bei der Umsetzung der Strategien zeigen sich deutliche regionale Tendenzen:

  • USA: Hier ist ein starker Trend zum Reshoring (Rückverlagerung ins Inland) erkennbar. 48 Prozent der US-Unternehmen investieren in heimische Standorte, verglichen mit 30 Prozent im Vorjahr.
  • Europa: In Kontinentaleuropa spielt das sogenannte Friendshoring (Verlagerung zu geopolitischen Partnern) mit 64 Prozent eine zentrale Rolle. Das Reshoring nimmt hier moderater zu (von 34 % auf 42 %), da strukturelle Kosten und regulatorische Hürden eine größere Herausforderung darstellen.

Gleichzeitig findet eine Neuausrichtung in Asien statt. Während das Engagement in China pragmatisch neu bewertet wird – 64 Prozent der Firmen planen, ihre dortigen Investitionen stabil zu halten oder zu erhöhen –, gewinnen Standorte wie Indien, Vietnam und Mexiko massiv an Bedeutung für diversifizierte Ökosysteme.

Künstliche Intelligenz als zentraler Katalysator

Ein wesentlicher Pfeiler der neuen Industriestrategien ist der Einsatz fortschrittlicher Technologien. Etwa 87 Prozent der befragten Unternehmen planen Investitionen in Künstliche Intelligenz (KI), Automatisierung und digitale Zwillinge.

KI, insbesondere generative und agentische Systeme, wird als unerlässlich angesehen, um die höheren Produktionskosten in westlichen Märkten durch Effizienzgewinne auszugleichen. Die Anwendungsbereiche reichen von der optimierten Produktionsplanung bis hin zur KI-gestützten Standortwahl und Risikomodellierung in der Lieferkette.

Fachkräftemangel bleibt das Nadelöhr

Trotz der technologischen Fortschritte identifiziert die Studie ein kritisches Hindernis: den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Die Skalierung der Reindustrialisierung scheitert in vielen Bereichen an fehlenden Kompetenzen in der Automatisierungstechnik und der KI-Entwicklung. Das CRI betont daher, dass der Erfolg der Strategien untrennbar mit der Transformation und Weiterbildung der Belegschaft verbunden ist.

Dr. Michael Schulte, CEO von Capgemini Engineering, unterstreicht die Bedeutung dieser Phase: „Reindustrialisierung bedeutet heute, regional ausgewogene Ökosysteme aufzubauen, die kritische Abhängigkeiten reduzieren. Der Erfolg wird jedoch von der konsequenten Umsetzung digitaler und personeller Grundlagen abhängen.“

Quelle: Bericht des Capgemini Research Institute (Ausgabe 2026): “The resurgence of manufacturing: Reindustrialization strategies in Europe and the US”. Befragungszeitraum: Januar bis Februar 2026 unter 1.208 Führungskräften weltweit.

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